Mein erster Besuch in Überlingen hat keine zwanzig Minuten gedauert – dann saß ich mit einem Kaffee auf einer Bank an der Uferpromenade und dachte: Moment, warum kennt diesen Ort nicht jeder? Eine mittelalterliche Stadtmauer, die fast komplett steht, direkt am Wasser. Ein Münster, in dem man tatsächlich noch das Gefühl hat, in einer echten Kirche zu stehen und nicht in einem Museum. Und dazwischen Gassen, in denen es nach Regen und Stein riecht. Beim zweiten Besuch habe ich dann drei Stunden gebraucht, um die Altstadt einmal komplett abzulaufen. Beim dritten waren es zwei Tage.
Wenn Sie nach Sehenswürdigkeiten in Überlingen suchen, bekommen Sie meistens eine Liste mit fünf bis zehn Punkten serviert, ohne Reihenfolge, ohne Gehzeiten, ohne Hinweis darauf, was Sie wirklich gesehen haben müssen und was Sie sich sparen können. Das hier ist der andere Ansatz: ein Rundgang mit Struktur, mit Wegzeiten, mit ehrlichen Einschätzungen – und mit ein paar Dingen, die in den üblichen Aufzählungen fehlen.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Altstadt von Überlingen ist keine Kulisse, sondern ein bewohntes Viertel – mit weitgehend erhaltenem Mauerring, der sich zu Fuß in etwa 90 Minuten umrunden lässt.
- Das Münster St. Nikolaus und das Rathaus mit seinem Ratssaal sind die zwei Räume, die man tatsächlich von innen gesehen haben sollte.
- Die Uferpromenade ist der eigentliche Grund, warum viele Leute nach Überlingen kommen – und der einzige Ort, an dem ich Ihnen einen frühen Morgen empfehle.
- Wer nur einen Tag hat, sollte die Altstadt und die Promenade nehmen und alles, was außerhalb liegt, streichen.
- Für Fotos gilt: Vormittags steht die Altstadt im weichen Licht, abends haben Sie die Promenade für sich.
Was Sie in Überlingen wirklich sehen – ein Rundgang mit Köpfchen
Die Stadt ist klein. Wirklich klein. Die gesamte Altstadt passt in ein Oval von vielleicht 800 Metern Länge, eingefasst von der alten Stadtmauer, die an vielen Stellen noch bis zu einer beachtlichen Höhe steht. Das heißt im Umkehrschluss: Sie brauchen kein Auto, kein Fahrrad, keine Touristenbahn. Sie brauchen Ihre Füße und eine grobe Ahnung, in welche Richtung Sie laufen.
Ich habe den Rundgang unten so beschrieben, wie ich ihn selbst beim dritten Mal gegangen bin – vom Bahnhof aus, gegen den Uhrzeigersinn, mit Zwischenstopps. Reine Gehzeit, ohne Stehen und Schauen: etwa 75 bis 90 Minuten. Mit Besichtigungen und einem Kaffee: ein halber Tag. Mit Therme und Essen: ein ganzer.
Die Reihenfolge, die sich tatsächlich lohnt
Vom Bahnhof aus laufen Sie zuerst zur Promenade, nicht in die Altstadt. Klingt kontraintuitiv, hat aber einen praktischen Grund: Sie sehen den See, bevor Sie sich in Gassen verlieren, und der Kontrast beim Eintritt in die Altstadt wirkt dann stärker. Vom Ufer aus geht es hinauf durch die Unterstadt, an der Aufbahrungshalle vorbei, hinein in die Fußgängerzone.
- Uferpromenade – Kilometerlang, parkartig, mit Blick auf den See und die Schweizer Seite. Der Abschnitt um die Landungsbrücke ist der vollste.
- Münster St. Nikolaus – Der wichtigste Kirchenraum der Stadt. Hohe gotische Fenster, ein Chorraum, in dem man tatsächlich stehen bleibt.
- Rathaus mit Ratssaal – Der Ratssaal ist der Grund, warum man hier länger als zwei Minuten hineingeht.
- Grabenstraße und Fußgängerzone – Patrizierhäuser, Erker, Fassaden aus mehreren Jahrhunderten. Hier kaufe ich jedes Mal etwas ein, das ich nicht brauche.
- Stadtmauer und Türme – Der Mauerring ist der unterschätzte Teil der Stadt. Gehen Sie ihn einmal außen herum.
Die Altstadt: was sie ist und was sie nicht ist
Hat Überlingen eine Altstadt? Ja – und zwar eine, die sich von anderen Altstädten am Bodensee in einem wichtigen Punkt unterscheidet. Sie ist bewohnt. Zwischen den Sehenswürdigkeiten leben ganz normale Menschen, es gibt einen Bäcker, einen Schreibwarenladen, eine Apotheke. Das bedeutet: Sie können nicht davon ausgehen, dass jedes Haus um 18 Uhr geöffnet oder jede Fassade frisch gestrichen ist. Es bedeutet aber auch, dass die Gassen nach etwas riechen und nicht nach Desinfektionsmittel.
Was Sie hier nicht finden: riesige Fußgängerzonen-Infrastruktur mit Kettenläden an jeder Ecke, Lautsprecherdurchsagen oder animierte Stadtrundgänge. Überlingen macht es Ihnen nicht bequem. Es macht es Ihnen schön.
Münster, Rathaus, Mauer: die drei Dinge, die bleiben
Man kann eine Stadt in einem Tag durchhetzen und trotzdem am Abend nichts erzählen. Die drei folgenden Punkte sind die, über die ich beim Abendessen tatsächlich noch gesprochen habe – weil sie innen oder von oben mehr hergeben als von außen.
Münster St. Nikolaus
Von außen: ein großer, eher ernster Bau, der sich in die Zeile einfügt. Von innen: der Moment, in dem man das Handy wegsteckt. Der Raum ist hoch, die Fenster werfen an sonnigen Tagen farbige Streifen auf den Boden, und der Chor ist der Teil, in dem man merkt, dass hier nicht nur für Touristen gebaut wurde. Nehmen Sie sich 15 bis 20 Minuten, nicht fünf. Der Eintritt in den Kirchenraum ist kostenlos; für das Münster gibt es meiner Erinnerung nach eine Spendenbox statt einer Kasse.
Rathaus und Ratssaal
Das Rathaus steht mitten in der Altstadt, und der Ratssaal ist der eigentliche Grund für einen Besuch – ein historischer Sitzungssaal, der nicht nach Büro aussieht, sondern nach einer Zeit, in der Ratsversammlungen noch eine Veranstaltung waren. Die Öffnungszeiten sind zugegebenermaßen ein Punkt, an dem ich selbst schon angerannt bin. Was ich Ihnen ehrlich raten kann: Prüfen Sie die Zeiten vorher auf der offiziellen Seite der Stadt – nicht auf irgendeinem Reiseportal. Ich habe einmal 2019 eine geschlossene Tür fotografiert, weil ich mich auf eine veraltete Angabe verlassen hatte.
Der Mauerring und seine Türme
Das ist mein persönlicher Favorit, und ich würde mich auf diesen Punkt festlegen: Der fast vollständig erhaltene Mauerring ist die Sehenswürdigkeit, die in den meisten Aufzählungen zu kurz kommt. Sie können von außen einmal komplett herumlaufen und sehen dabei die Stadt aus einer Perspektive, die ihr sonst niemand zeigt – halb Garten, halb Festung. Rechnen Sie mit 40 bis 60 Minuten für die komplette Runde, je nachdem, wie oft Sie stehen bleiben.
Ein Tag in Überlingen: der ehrlichste Zeitplan
Wenn Sie nur einen Tag haben – und das haben die meisten – dann brauchen Sie keine lange Liste. Sie brauchen eine Entscheidung darüber, was Sie nicht machen. Hier meine Variante, mit der ich schon zwei Freunde durch die Stadt geschleust habe, ohne dass jemand gestöhnt hat.
| Zeitfenster | Aktivität | Dauer |
|---|---|---|
| Vor 9 Uhr | Uferpromenade, leer, gutes Licht | 30 Min. |
| 9 – 10 Uhr | Münster St. Nikolaus | 20 Min. |
| 10 – 11.30 Uhr | Altstadt, Fußgängerzone, Rathaus von außen | 90 Min. |
| 11.30 – 12.30 Uhr | Mauerring außen herum | 60 Min. |
| Mittagspause | Essen in der Altstadt | 60 – 90 Min. |
| Nachmittag | Bodensee-Therme oder Museum | 2 – 3 Std. |
Was in diesem Plan fehlt: die Umgebung. Haustierhof Reutemühle draußen vor der Stadt, die Premiumwanderwege, der SeeGang. Alles schön. Alles nichts für einen Tag. Ehrlich gesagt: Wer an einem einzigen Tag nach Überlingen kommt und versucht, Altstadt plus Umland plus Therme zu schaffen, verbringt den Tag im Auto und nicht in der Stadt.
Welche Altstadt am Bodensee ist die schönste?
Diese Frage bekomme ich oft, und ich habe eine klare Antwort – die aber nicht jedem gefällt. Die schönste Altstadt am Bodensee ist für mich Meersburg. Sie ist steiler, dichter, theatralischer, mit dem Schloss oben und dem Wein unten. Überlingen kommt bei mir auf Platz zwei – weil seine Altstadt größer ist als sie wirkt, weil der Mauerring dazukommt und weil sie im Alltag lebt.
Der Unterschied, auf den es ankommt: In Meersburg sind Sie Zuschauer, in Überlingen sind Sie zu Gast. Wenn Sie eine Postkarte suchen, fahren Sie nach Meersburg. Wenn Sie zwei Stunden herumlaufen und dabei das Gefühl haben wollen, dass da jemand wohnt, bleiben Sie in Überlingen.
Und Lindau? Und Mainau?
Lindau hat den Hafen mit dem Löwen und dem Leuchtturm – das ist ein starkes Bild, aber die Altstadt auf der Insel ist eng und an schönen Tagen sehr voll. Mainau ist eine Insel mit Gartenanlage, keine Altstadt im engeren Sinn, also ein anderes Genre. Wer wirklich vergleichen will, sollte nicht an einem einzigen Wochenende alle vier machen. Das ist der Fehler, den fast alle machen – ich auch, 2022, und ich habe von Lindau vor allem den Parkplatz in Erinnerung.
Was muss man unbedingt am Bodensee gemacht haben?
Ehrliche Antwort: Es gibt kein „Muss". Es gibt aber Dinge, nach denen man das Gefühl hat, man hat den See verstanden. Für meine Begriffe sind das drei – und keine davon ist ein Museum.
Erstens: irgendwo an einer Uferpromenade sitzen, ohne etwas zu tun. In Überlingen geht das gut, in Konstanz auch, in Bregenz mit anderem Blick. Zweitens: einmal mit einem Schiff über den See fahren – nicht als Rundfahrtvergnügen, sondern als Linie von A nach B, weil dann der Maßstab dieses Gewässers erst deutlich wird. Drittens: eine Altstadt zu Fuß durchqueren, statt sie aus dem Auto oder vom Schiff aus zu betrachten. Der Bodensee ist an der Wasserlinie am schönsten, aber er ist historisch eine Stadtlandschaft, keine Badewanne.
Welches ist das schönste Dorf am Bodensee?
Da scheiden sich die Geister, und ich will Ihnen keine falsche Einigkeit verkaufen. Was ich sagen kann: Die kleinen Orte am Nordufer – etwa die Weinbaugemeinden zwischen Meersburg und Unteruhldingen – haben etwas, das die großen Städte nicht haben: Sie wirken nicht darauf eingerichtet, besichtigt zu werden. Wenn Sie ein Dorf suchen, in dem Sie in einer Winzerstube sitzen und der Wirt Sie fragt, woher Sie kommen, sind Sie dort besser aufgehoben als in jeder Altstadt.
Mein Rat: Nehmen Sie sich für ein Dorf und eine Stadt je einen halben Tag. Nicht mehr. Und überlegen Sie vorher, ob Sie lieber ansehen oder lieber dableiben wollen.
Fotos, Menschenmengen und der richtige Zeitpunkt
Überlingen ist an einem normalen Dienstagvormittag im Juni ein anderer Ort als an einem Samstag im August. Klingt trivial, ist es aber nicht: Die Fußgängerzone ist schmal, die Promenade hat nur eine Linie, und wenn zwei Reisebusse gleichzeitig entladen werden, wird es eng.
- Vor 9 Uhr – Promenade fast leer, weiches Licht, die besten Bilder der Stadt.
- 10 bis 12 Uhr – Altstadt gut, aber die Gassen füllen sich.
- Mittags – der schlechteste Zeitpunkt für Fotos und der beste für ein Mittagessen.
- Nach 17 Uhr – Promenade wieder frei, Licht wird wärmer, ich mache hier die meisten Aufnahmen.
Was die Motive angeht, die in der typischen Überlingen-Fotosammlung fehlen: die Mauer von außen. Die meisten Bilder zeigen das Münster oder die Promenade. Die Mauer mit ihren Türmen, halb von Bäumen überwachsen, ist das Bild, das ich inzwischen am liebsten zeige.
Brauche ich einen Stadtplan?
Für die Altstadt nicht. Sie ist klein genug, um sich zu verlaufen und wieder herauszufinden – das ist Teil des Erlebnisses. Für den Mauerring außen herum ist eine Karte auf dem Handy aber nützlich, weil der Weg an einigen Stellen die Richtung wechselt. Und wenn Sie sich wirklich verlaufen: Die Stadt ist oval, es gibt kein echtes „falsch".
Was bleibt
Am Ende ist Überlingen eine Stadt, die einen nicht überwältigt. Keine spektakuläre Aussichtsplattform, kein Weltkulturerbe-Titel, keine Inszenierung. Dafür ein Mauerring, der seit Jahrhunderten einfach dasteht, ein Münster, in dem man kurz still wird, und eine Promenade, auf der man sitzen kann, ohne dass jemand etwas von einem will.
Wenn Sie nach Ihrem Besuch nur eine Sache behalten: Gehen Sie einmal außen um die Stadt herum. Nicht durch die Gassen, sondern um sie herum. Da verstehen Sie, was Überlingen eigentlich ist – eine kleine, wehrhafte Stadt am Wasser, die sich lange genug behauptet hat, um heute einfach nur schön dazustehen. Und wenn Sie danach immer noch Zeit haben, fahren Sie nach Meersburg und vergleichen selbst. Ich liege mit meinem Ranking vielleicht falsch, aber ich liege ungern falsch, ohne es ausprobiert zu haben.